The Road To Ticino Hinreise Seuzach - Elsau - St. Gotthardpass - Agno
Röbi - bekannt als Frühaufsteher - wollte schon früh abfahren und so trafen wir uns schon vor 07:00 Uhr bei ihm zu Hause in Elsau. Nach einer letzten Fahrzeuginspektion und einer kurzen Kaffeepause sowie den ersten Erinnerungsphotos gings bei schönstem Wetter los.
Obwohl wir möglichst hintenrum gefahren sind, kamen wir ab Fehraltdorf bis zum Beginn der Strecke auf den Sattel immer wieder in den Berufsverkehr. Wir konnten jedoch im allgemeinen Verkehrsstrom problemlos mithalten, kamen jedoch kaum nach mit Zurückwinken und Daumen hoch halten. Unsere beiden Oldies liefen problemlos und häufig gewährte man uns den Vortritt ohne dass wir einen solchen gehabt hätten.
Den Sattel erklommen wir problemlos, wenn auch langsam. Teilweise mussten wir den kleinen Gang wählen, welcher bis knapp 30 km/h reicht. Allerdings muss dafür mit dem linken Fuss konstant das linke Pedal getreten werden, was mit der Zeit im Wadenmuskel spürbar ist. Obwohl unsere beiden Ford 2 Gänge haben (einen 'kleinen' und einen 'grossen'), gibt es kein eigentliches Getriebe, wie wir es von moderneren Fahrzeugen kennen. Der kleine Gang wird mittels dem linken Pedal über eine Riemenscheibe aktiviert und dieses Pedal muss permanent gedrückt werden, damit der im Ölbad laufende Friktionsriemen die Kraft auf das Planetengetriebe übertragen kann.
Lässt man das Pedal bis in die Mittelstellung - welche ohne Rasterung nur gefühlt werden kann - los, so ist ausgekuppelt und der Wagen rollt ohne motorische Belastung weiter. Lässt man das linke Pedal noch weiter los, so kuppelt der grosse Gang relativ plötzlich ein und das Fahrzeug beginnt zu beschleunigen - sofern man gleichzeitig das Handgas an der Lenksäule betätigt.
Mit dem mittleren Pedal aktiviert man - mit dem analogen Mechanismus wie für den kleinen Gang - den Rückwärtsgang. Es gibt keine Sperre oder andere Überwachung als Schutz gegen Fehlmanipulation: Man kann theoretisch sowohl vorwärts wie rückwärts fahren, was aber in der Praxis zum Abwürgen des Motors führt.
Bremsen können wir übrigens auch
! Mit dem rechten Pedal aktiviert man über eine weitere Riemenscheibe eine Bremswirkung direkt auf die in einem geschlossenen Rohr laufende Kardanwelle, welche dann die Hinterachse abbremst. Auf gerader Strecke ist in der Tat eine Bremswirkung zu spüren, nicht gerade berauschend, aber ausreichend, sofern man mit genügender Voraussicht fährt. In stärkeren Kurven lässt die Bremswirkung nach, da das kurveninnere Rad entlastet wird und wegen des Differentialsausgleichs die Bremswirkung des kurvenäusseren Rades zum Verschwinden bringt. Im Notfall kann man noch die Handbremse betätigen, welche direkt auf die Bremstrommeln der Hinterachse wirkt, aber - zumindest bei meinem Ford - kaum dosierbar ist. Zwischen 'ganz sanft anbremsen' und 'beide Hinterräder sind blockiert' liegt ungefähr ein (1) Rasterzacken!
Die Handbremse hat übrigens eine Doppelfunktion: Ganz angezogen bremst sie, halb losgelassen ist ausgekuppelt (entspricht der Mittelstellung des linken Pedals) und erst ganz losgelassen ergibt die Möglichkeit, den grossen Gang über das linke Pedal einzulegen.
Eine spezielle Diebstahlsicherung haben unsere Fahrzeuge nicht nötig, da diese kaum von jemandem gefahren werden können, der diese alte Mechanik nicht beherrscht. Und bald kann niemand mehr ältere Autos fahren, da man ja in der Fahrschule nicht mehr auf Fahrzeugen mit Schaltgetrieben lernt. Na ja, so passen halt die Oldies sowohl mechanisch wie menschlich gut zusammen
.
Auf der Abwärtsfahrt nach Schwyz sind wir im Restaurant Spiegelberg erstmals eingekehrt und haben uns bei Kaffee und Salamisandwich von den nicht vorhandenen Strapazen erholt!
Weiter gins via Axenstrasse Richtung Gotthard. Bei der Umfahrung des Flüelentunnels bog Röbi plötzlich auf einen Parkplatz ab und hielt an.
Offensichtlich hatte sich jetzt auch die 2. Schraube des Armaturenbrettes gelöst und dieses hing lose an den Kabeln herunter. Die 1. Schraube hatte sich schon früher gelöst, aber Röbi konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch keinem Abgangsort zuordnen. Doch nun war alles klar und die Reparatur dauerte kaum 10 Minuten.
Der weitere Streckenverlauf - alles auf den alten Hauptstrassen - verlief unspektakulär. Lediglich auf der Strecke hinauf durch die Schöllenenschlucht nach Andermatt wurden wir etwas zum Verkehrshindernis, da wir über 25 km/h nicht hinaus kamen. Wir hielten mehmals an und liessen den gestauten Verkehr hinter uns passieren. Alle waren freundlich und winkten uns zu. Fast wäre das noch zu einem Eigentor geworden, denn ein Holländer mit Wohnwagen war auf den geraden Strecken nur unwesentlich schneller als wir und um die Haarnadelkurven herum schien er sein Gespann lieber zu schieben als zu fahren.
In Andermatt angekommen suchten wir zum zweiten Mal eine Tankstelle auf. Beide Fahrzeuge saufen beträchtlich - so um die 20 Liter pro 100 km - und verfügen über keine Tankuhr. Wir können den Inhalt des vielleicht 25 Liter fassenden Tanks nur mit einem halbwegs geeichten Holzmessstab messen und das natürlich nur im Stehen. Dafür lässt sich der Verbrauch sehr konstant bestimmen, denn der Verbrauch ist immer etwa gleich viel, ganz egal, ob wir bergauf, bergab oder geradeaus fahren. Irgendwie flesst das Benzin einfach durch den Vergaser ...
Auch die Strecke bis zur Passhöhe mussten wir mehrheitlich im 1. Gang mit 25 km/h fahren, wobei mein Fahrzeug - es heisst übrigens 'Henry' - etwas durchzugsstärker als Röbis Fahrzeug wirkte. Mehrfach konnte ich in den grossen Gang schalten und bis auf 45 km/h beschleunigen. Beinahe wäre es noch zu einem Überholmanöver gekommen, da vor uns die Gotthard-Postkutsche mit 6 (echten) PS denselben Weg fuhr. Diese bog jedoch kurz darauf auf die alte Strasse ab und musste kiene 50 Meter später an einem Baustellen-Lichtsignal anhalten. Entgegen unserer ursprünglichen Absicht blieben wir deshalb bis zur Passhöhe auf der neuen Strasse. Um 12:30 Uhr kamen wir beim Hotel Ospizio an und suchten in der beträchtlichen Touristenmenge nach 2 Parkplätzen. Sofort waren wir umringt von diversen Schaulustigen und wenn wir pro geschossenem Foto einen Franken verlangt hätten, wären wir heute gemachte Leute
!
Das Anlassen unserer Fahrzeuge stösst jedes Mal auf grosses Interesse. Der Ford von Röbi hat noch keinen Anlasser, also muss er ihn jedes Mal vorne mit der Kurbel anwerfen. Zuerst muss nach dem Öffnen des Benzinhanes die Zündung auf 'Batterie' und der Zündzeitpunkt an einem Lenkradhebel auf 'spät' gestellt werden. Das Handgas wird auf auf ca. 1/4 gestellt. Dann wird der Vergaser mittels Drahtzug wohldosiert (!) mit Benzin geflutet und nach einem ebenso wohldosierten Andrehen der Kurbel diese ruckartig im Uhrzeigersinn bewegt. Wenn alle Vorbereitungsarbeiten korrekt durchgeführt wurden, springt der Motor sofort an und nimmt leicht stotternd den Betrieb auf. Nun wird die Zündung soweit nach 'früh' verschoben und am Gas gespielt, bis der Motor rund läuft. Dann wir die Zündung von 'Batterie' auf 'Magnet' umgestellt. So wird die 6 Volt Batterie geschont und die verbleibende Kapazität reicht dann eine Weile für die (spärliche) Beleuchtung. Röbi's Fahrzeug - welches ja 12 Jahre älter als meines ist - hat noch keine Lichtmaschine, welche die Batterie lädt.
Mit etwas Routine klappt das sehr gut. Bei 'Henry' kann ich genau gleich vorgehen, aber an Stelle der Kurbelbewegung drücke ich im Fussraum auf einen Knopf, welcher den Elektrostarter in Aktion setzt. Manchmal starte ich 'Henry' ebenfalls von Hand, aber nur, wenn genügend Leute zuschauen
.
Beim Startvorgang kann man auch einiges falsch machen:
- Wenn man vergisst, den Zündzeitpunkt auf 'spät' zu stellen, schlägt der Motor die Anlasserkurbel zurück, was im schlechtesten Fall zu einem gebrochenen Handgelenk führen kann.
- Vergisst man die Handbremse anzuziehen und ist diese in der vordersten Stellung, beginnt das Fahrzeug gleich zu fahren, da in diesem Zustand der grosse Gang eingekuppelt ist.
- Falls einer der Zylinder exakt auf dem oberen Totpunkt steht und noch genügend frisches Benzingemisch komprimiert im Brennraum vorhanden ist, kann der Motor auch selber anspringen ...
Also alles in allem: Auch beim Startvorgang muss man wissen, wie es geht und sich möglichst genau an die vorbestimmten Abläufe halten.
Trotz allen Auskünften und Modell stehen hatte es noch für eine Bratwurst und ein Getränk gereicht, bevor wir den Weg über die alte Kopfsteinpflasterstrasse (Tremola) unter die Räder nahmen. Vor dieser Strecke hatten wir etwas Respekt, da in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Schauergeschichten über abstürzende Kutschen und Fahrzeuge entstanden sind. Wider Erwarten war die Strecke nirgends wirklich steil und auch die Kurven waren gut ausgebaut. Mehrheitlich konnten wir mit der Motorenbremse des kleinen Ganges runterfahren und braucht die Radbremsen nur vor den Haarnadelkurven zu betätigen.
Von Airolo aus ging es weiter auf den alten Strassen die Leventina runter, vorbei am alten Zollhaus Dazio Grande nach Biasca und Bellinzona. Von dort aus über den Monte Ceneri - mit Tankstopp - nach Rivera und dann durch zahlreiche Dörfer nach Agno.
Kurz vor Agno blieb 'Henry' plötzlich ohne jegliche Vorwarnung stehen. Zum Glück konnte ich noch in eine Bushaltestelle rollen. Benzin war noch vorhanden, also versucht ich ihn nach bewährtem Muster zu starten. Und siehe da: Er sprang auf Anhieb wieder an, stellte jedoch beim Wechsel der Zündung von 'Batterie' auf 'Magnet' gleich wieder ab. Hä? Eine Magnetzündung kann (fast) nicht kaputt gehen! Ich fuhr den letzten Kilometer auf der Stellung 'Batterie' weiter und kam kurz darauf nach total 9 Stunden Fahrt (inkl. Pausen und 4 Mal tanken) auf dem Campingplatz La Palma in Agno - unserem Etappenziel - an. Röbi war schon da und bereits von einigen Schaulustigen umringt.
Wir durften unsere Fahrzeuge direkt bei meinem Wohnwagen aufstellen und konnten ungefähr ein wohlverdientes Bier geniessen
. Jetzt bleiben wir erst einmal ein paar Tage hier!







