The 12th Flying Scotsman 28.03.2022 - 31.03.2022: Diverse Vorbereitungen

Nachdem Luca und ich am Sonntag die Generations-Rallye erfolgreich beendet und ich Luca am Flughafen in Manchester abgesetzt hatte, kamen auf mich ein paar geruhsame Tage zu. Meinen Aufenthalt im Hotel Low Wood Bay in Windermeere konnte ich um 4 Tage verlängern und mich mehr oder wenifger fleissig im Nichtstun üben. 

Als erstes habe ich am Montag 'Luisa' aufgeräumt und auf allfällige Schäden überprüft. Ausser einem etwas verminderten Reifenprofil konnte ich keine Schäden feststellen. Auch der Ölverbrauch war nicht messbar und 'Luisa' lief wie eh und je. Am Nachmittag befuhr ich diejenige Rallyestrecke, welche wir am 1. Rallye-Tag infolge des beschriebenen Unfalls nicht befahren konnten und kam gegen Abend zurück. In der Ortschaft Ambleside wartete ich geduldig an einem Lichtsignal, als es hinter mir plötzlich schepperte und ein kleiner Ruck durch 'Luisa' ging. Offenbar versuchte ein Motorradfahrer auf die andere Einspurstrecke zu wechseln, hatte die Distanzen falsch eingeschätzt und blieb mit seinem grossen Seitenkoffer am rechten hinteren Katzenauge von 'Luisa' hängen. Dieses war natürlich hinüber, aber zum Glück entstanden keine weiteren Schäden, so dass der Fall mit dem Hinüberschieben einiger englischen Pfunde schnell gelöst werden konnte. Nach mindestens so vielen Entschuldigungen wie hinübergeschobenen Pfunden fuhr der Motorradfahrer hastig weiter, da sich von der anderen Seite zwei Uniformierte zu Fuss näherten. Diese erkundigten sich nach meinem Befinden, sahen sich den Schaden an und meinten nur, dass ihnen dieser Motorradfahrer bekannt sei und schon öfters für Schäden gesorgt habe. Per Funk klärte einer der Beiden ab, ob der Motorradfahrer derzeit im Besitze seines Führerausweises war, ich konnte aber auf Grund des zufriedenen Lächelns und der unverständlichen Bemerkungen beider Beamten nicht erkennen, über was sie sich jetzt genau freuten. Das war mir letztendlich egal und ich war froh, dass ausser einem defekten Katzenauge kein weiterer Schaden entstanden ist. 

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Das Hotel Low Wood Bay ist eine Mischung zwischen altertümlichem Gemäuer und moderner Bauweise. Die verschiedenen immer anders aussehenden Gebäudeteile passen aus meiner Sicht recht gut zusammen und bilden einen nicht einfach zu durchschauenden Gebäudekomplex. Dank vieler Wegweiser waren jedoch die Wege in die Bars und Restaurants jederzeit einwandfrei zu finden. Das ganze Personal ist ausgesprochen nett, auch wenn man merkt, dass COVID-bedingt kein Vollbetrieb möglich ist. Die Bar in meinem Zimmer-Komplex ist ausser Betrieb, dafür wurde aber als Geschenk des Hauses eine Flasche Prosecco im Zimmer aufgestellt, was für mich nicht weiter schlimm ist.

Das Abendessen im Grill-Room bot mir Gelegenheit, die anwesenden Leute genauer zu beobachten. Links von mir sass eine Familie mit zwei Kindern im Alter von 4 und 2 Jahren. Diese Familie hatte ich schon am Morgen im Frühstücksraum gesehen, wo beide Kinder noch halb schläfrig am Tisch sassen (lagen) und es schien, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Das war jetzt komplett anders. Beide liefen zur Höchstform auf und hielten die Eltern (und das Personal) mächtig auf Trab. Während des Essens kehrte kurze Zeit etwas Ruhe ein, aber als dann der Sohn das in Zellulose-Stengel gepresste Wasser probieren musste (auf der Speisekarte war dies als 'Gemüse' bezeichnet), war der Zapfen definitiv ab. Sein Gebrüll kannte keinen Grenzen und verlor erst wieder an Intensität, als der verzweifelt dreinblickende Kellner eine Kugel Glace brachte. So gab es zum halben Hamburger und den Chips auch gleichzeitig etwas Glace und die Welt war wieder in Ordnung. Die nach Gemüse aussehenden Zellulose-Stengel wurden unauffällig beiseite gelassen und langsam verstehe ich, woher gewisse englische Nahrungsmittelkombinationen ihren Ursprung haben. 

Schräg gegenüber sassen zwei Damen im mittelprächtigen Alter und liessen das ganze Geschehen demonstrativ an sich abprallen. Die vermutlich etwas ältere und stark geschminkte Dame hätte die Zwillingsschwester von Amy Winehouse sein können, alles passte perfekt, vom Gesichtsausdruck über die Nase bis zur Frisur. Sie schien zudem recht warm zu haben, anders konnte ich mir die spärlich vorhandene Kleidung rund um die wohl proportionierten Körperformen nicht erklären. Hingegen schien sie es sich gewohnt zu sein, auf hochhackigen Schuhen zu gehen. Ihre mehrfachen Abstecher auf die nahe gelegene Toilette liessen keine Zweifel aufkommen, dass sie diese Auftritte mit den Blicken der anwesenden Männern im Rücken genoss. Ihre Begleiterin, ungefähr gleich gross, kaum geschminkt, vom Körperbau eher dezent ausgerüstet und situationsadäquat gekleidet, fiel dafür duch ihr gellendes, aber symphatisches Lachen auf. Beide assen beträchtliche Mengen Fleisch und Gemüse (brrr...) und gönnten sich den einen oder anderen Schluck eines mir unbekannten Weines. Ihr Tisch stand am nächsten zur Schauküche mit dem grossen Holzkohlengrill und der Grilleur hatte sichtlich Freude an den beiden Damen. Diese Freude ging soweit, dass er vergass, ein Steak rechtzeitig vom Grill zu nehmen und mit einem neuen Stück Fleisch nochmals von vorne mit Grillen beginnen musste. Später habe ich erfahren, dass die beiden Mutter und Tochter waren, die zuerst beschriebene Dame war die Mutter ...

Auf dem Parkplatz und später an der Bar habe ich einen schon ziemlich älteren, ehemaligen Manager von Land Rover kennengelernt. Dieser hatte - zum meinem Erstaunen auch viele andere Engländer - grosse Freude an meinem Toyota und sprach sehr anerkennend von diesem Fahrzeug. Als der Toyota Landcruiser in den 60-er und 70-er Jahren in England gekauft werden konnte, wurde er bald eine grosse Konkurrenz für die einheimische Marke Land Rover. Der Toyota brillierte vor allem durch seine Zuverlässigkeit, mehr Leistung bei weniger Spritverberauch und kleinerem Preis sowie seine praktische Unverwüstlichkeit. Die bis dahin behäbige und erfolgsverwöhnte Firma Land Rover geriet in eine ziemliche Krise und kam erst wieder mit der Lancierung des Range Rovers aus den roten Zahlen heraus. Für ihn als jungen Manager sei das eine sehr schwierige Zeit gewesen, da sie offenbar mehmals kurz vor dem Konkurs gestanden seien. Heute ist der Marktanteil des Toyota Lancruiser in England wieder gesunken, gilt aber nach wie vor als Mahnmal, sich nicht zu fest und vor allem nicht zu lange auf den eigenen Loorbeeren auszuruhen.

In den letzten Tagen habe ich meinen Einsatzplan als Marshall für den Flying Scotsman erhalten. Wegen corona-bedingten Ausfällen bin ich schon 2x umgeteilt worden und habe inzwischen ein recht anspruchsvolles Programm zu absolvieren. Zum Glück habe ich zu jedem Einsatz die Koordinaten erhalten, sonst würde ich meine Prüfpunkte nie rechtzeitig finden. Am Samstag Abend bin ich von der Rallye-Organisation zum Nachtessen eingeladen, falls ich bis dann schon mit meinen Kontrollen fertig bin. Es sind 110 Fahrzeuge gemeldet und ich bin gespannt, ob die alle den richtigen Weg finden und vor allem, wann.

England hat sich bis jetzt einmal mehr von seiner besten Seite gezeigt und sämtliche bekannten positiven wie negativen Vorurteile bestätigt. Als negativ kann man eigentlich nur die Zubereitungsart des Gemüses anschauen, aber vielleicht liegt das auch an mir, denn es soll Einheimische geben, die das Gemüse genau so am Liebsten haben. Vom Wetter her ist auch alles wie erwartet: Nach 4 schönen Tagen wurde es ab Montag kalt und nass, heute hat es sogar bis ganz nach unten geschneit. Gut, hat mein Toyota eine Heizung und ich genügend warme Sachen mitgenommen smiley.

Nun bin ich gut in der Nähe meines morgigen 1. Postens angekommen (Hotel Mansfield House in Hardwich). Die Fahrt war mindestens vom Wetter her äusserst abwechslungsreich. Zusammengefasst schneite die Sonne in Strömen, selbst Graupelschauer waren mehrfach dabei! Mitten im Nirgendwo ging mir auch noch das Benzin aus, denn die Tankstellendichte ist abseits der Hauptverkehrsachsen (und da fährt ja die Rallye in erster Linie durch) seeehr dürftig. Zum Glück, resp. ich wusste es natürlich, hatte ich einen 20 Liter Kanister dabei (was bei 'Luisa' und dem hügeligen Gelände nicht viel mehr als für 100 km reicht). Jetzt sind alle technischen Reservoirs wieder aufgefüllt und ich kann mit gutem Gewissen ans Auffüllen meines eigenen Vorratbehälters denken.

Mogen geht's dann los! 

 

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